Die „Von der Engstelle zum Durchbruch“-Theorie der Wissenschaftler postuliert, dass die Natur, wenn die Gesellschaft weltweit weiterhin immer mehr verstädtert, die Fruchtbarkeit sinkt (und schließlich unter das Reproduktionsniveau fällt) und extreme Armut verschwindet, eine Chance auf ein Comeback hat. Dies wird nicht auf weltweiter Ebene zu unseren Lebzeiten geschehen (diejenigen von uns die heute leben werden wahrscheinlich in der Engstelle bleiben), doch die Kinder unserer Kinder könnten eine wesentlich vielversprechendere Welt erben als die, die wir heute haben.

„Es ist nicht unvorstellbar, dass die Bevölkerungszahl in zwei Jahrhunderten nur noch halb so groß ist, wie heute, und, dass die lang angestrebten Ziele einer Welt, wo die Menschen die Natur respektieren und sich um sie kümmern, erreicht werden.“, so schreiben die Forscher. „Vor allem, wenn wir jetzt handeln um diese Möglichkeit zu fördern.“

Die Dreifaltigkeit hier ist Bevölkerung, Armut und Urbanisierung.

Es ist ganz einfach sich vorzustellen, wie der Rückgang der Bevölkerung der Natur dienen könnte: weniger Menschen bedeutet insgesamt eine geringere Belastung durch die Menschen. Wälder und andere Ökosysteme werden zurückkehren, Spezies werden sich erholen. Solche Vorkommnisse hat man in Gebieten wo sich die menschliche Bevölkerung stabilisiert hat oder wo sie gefallen ist bereits gesehen.

Die Urbanisierung verstärkt den Trend. Laut den Wissenschaftlern leben die Menschen durch die Urbanisierung in kleineren, effizienteren Gebieten, doch Stadtbewohner neigen auch dazu, weniger Kinder zu haben. Dies hat damit zu tun, dass Frauen in den Städten generell autonomer und besser gebildet sind und mehr Möglichkeiten haben, was zu weniger Kindern führt. Bessere Gesundheitsvorsorge in den Städten bedeutet auch eine niedrigere Kindersterblichkeitsrate, was dazu führt, dass Paare entscheiden, weniger Kinder zu haben, da sie sich nicht darum sorgen müssen, ob ein Kind überlebt.

Die zunehmende Ballung von Menschen in den Städten bedeutet auch nicht unbedingt, dass es stärkere Auswirkungen auf die Umwelt hat, sagen die Forscher. Stadtbewohner neigen dazu, deutlich mehr ihres Vermögens für Unterkunft, Transport und Investitionen auszugeben. Sie leben meistens auch in einem effizienteren System, verbrauchen weniger Energie und Wasser und produzieren weniger Abfall pro Kopf im Vergleich mit ländlichen Gemeinden. Heutzutage lebt mehr als die Hälfte der weltweiten Bevölkerung in Stadtgebieten.

Gleichzeitig geht die Prozentzahl derjenigen, die in extremer Armut leben weiterhin zurück. Während die Eliminierung von Armut natürlich ein nobles Ziel ist kommt es unter Umständen auch der Natur zu Gute, da das Überleben derjenigen, die in extremer Armut leben oft direkt davon abhängig ist, die Natur auszubeuten. Gleichzeitig argumentieren die Forscher, dass „Bildung, Regulierung, Wirtschaftspolitik und soziale Normen“ dabei helfen können, die Verbindung zwischen dem ansteigenden Reichtum und der Gewinnung von Rohmaterialien und den Umweltauswirkungen zu kappen.

„Diese Arbeit zielt nicht darauf ab, die Menschen aufzumuntern., so Walston. „Sondern wir sind der Meinung, dass diese Makrotreiber entweder extrem unterschätzt oder nicht wahrgenommen werden.“

Er fügt hinzu, dass die gleichen Kräfte, die heute „die Natur auf den Boden drücken die Grundlage für die letztendlichen Rahmenbedingungen schaffen unter denen die Natur wieder auf die Füße kommen und sich erholen kann“.

Die Wissenschaftler bestreiten in keinster Weise die derzeitigen düsteren Berichte über die momentane Tierwelt und Artenvielfalt, doch sie sehen eine potenziell andere Zukunft vor uns, wenn wir diese Makromuster unterstützen, von denen manche ironischerweise mit Entwicklung, Globalisierung und den Marktkräften zu tun haben.

„Dies ist der wesentliche…Grund warum die Menschen es nicht verstehen, weil wir gleichzeitig auf den dunkelsten Punkt zusteuern.“ so Walston.

 

Von Japan bis zum subsaharischen Afrika

Im Mai gaben die US-amerikanischen Center for Disease Control and Prevention (CDC; dt.: Zentren für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten) bekannt, dass die Fruchtbarkeitsrate des Landes ein historisches Tief erreicht hatte: 1,76 Babys pro Frau. Dies liegt weit unter den 2,1 Geburten pro Frau die als Reproduktionsniveau angesehen werden, sprich die Rate bei der die Bevölkerungszahl stabil bleibt. Natürlich werden die USA ihre tatsächliche Bevölkerung in naher Zukunft aus zwei Gründen nicht zurück gehen sehen: integriertes Momentum durch frühere Geburtensteigerungen und Immigration.

Doch diese Nachrichten zeigen, dass selbst die USA dem unausweichlichen Rückgang der Fruchtbarkeit nicht entkommen können. Wenn sich Nationen in hochentwickelte Volkswirtschaften verwandeln sinkt die Armut, die Bevölkerung verstädtert und die Fruchtbarkeitsrate geht zurück bis sich die Bevölkerung schließlich stabilisiert.

Der letzte Teil dieses Wandels, tatsächlicher Bevölkerungsrückgang in Verbindung mit niedriger (wenn nicht sogar nicht existenter) extremer Armut und einer hohen Urbanisation wurde schon in einigen Nationen beobachtet, wie zum Beispiel Japan und Portugal. Wenn es weniger Menschen gibt es ein Comeback für die Ökosysteme.

Doch die politische Reaktion auf diese demographischen Veränderungen war oft negativ. Da sich die Politiker und Ökonomen Sorgen um das kurzfristige ökonomische Wachstum machen, scheinen sie einen Koller zu bekommen, wenn es auch nur ansatzweise nach einem Bevölkerungsrückgang riecht: In Japan haben die Politiker sich schon öfter in Teufelsküche gebracht, indem sie die Schuld den Frauen zuschoben, weil diese nicht mehr Kinder bekommen, oder sie angefleht haben „Geburtsmaschinen“ zu werden.

Die Medien folgen jedoch den Ökonomen und Politikern und stellen den Bevölkerungsrückgang als eine Art Naturkatastrophe dar (siehe hier und hier). Dieser Journalismus verunglimpft die fallende Fruchtbarkeitsrate ohne auch nur ein Mal den Klimawandel, die Umwelt, Massenauslöschungen oder die Überbevölkerung zu nennen. 2017 flehte der damalige Sprecher des Weißen Hauses, Paul Ryan, die Amerikaner an, mehr Kinder zu bekommen. Der Vater von drei Kindern fügte hinzu: „Ich habe meinen Teil getan.“

Doch Walston sagt, dass die Politiker und Ökonomen, trotz all ihrem Händeringen, bis jetzt noch keinen Weg gefunden haben die sinkende Fruchtbarkeitsrate umzukehren: „Die Regierungen haben von Menschen bezahlen bis hin zu Menschen zwingen alles versucht und es hat nicht funktioniert.“

Die einzige Möglichkeit die Bevölkerungsrate wirklich zu erhöhen, wäre, laut Walston und Sanderson, ein neuer Krieg. Wie sich herausgestellt hat ist Frieden sehr gut dafür, die weltweite Bevölkerung stabil zu halten (Sicherheit heißt, dass man weniger Angst davor hat, ein Kind zu verlieren), wohingegen Kriege zu Baby Booms führen.

Walston sagte, dass Ökonomen „dazu neigen, direkt zum“ Altersübergang einer Gesellschaft zu gehen, wo die demographische Verlangsamung bedeutet, dass es mehr alte als junge Menschen gibt.

„Dies ist ein kurzfristiges Problem, kurzfristig sind hier ein paar Jahrzehnte, für die Wirtschaft. Doch langfristig werden diese alten Menschen schließlich wie wir alle sterben und dann wird die Bevölkerungszahl kleiner und die Altersstruktur wird sich wieder mehr angleichen.“, sagte er.

Es gibt eine Region die sich dem weltweiten Trend bis jetzt widersetzt hat: das subsaharische Afrika leidet immer noch unter weit verbreiteter Armut (in Nigeria leben mehr Menschen in extremer Armut als irgendwo anders) und, was vielleicht genauso wichtig ist, einer hartnäckig hohen Fruchtbarkeitsrate. Derzeit haben die Frauen im subsaharischen Afrika je knapp unter fünf Kindern – das ist zwei Mal so viel wie der globale Durchschnitt.

„Ich glaube, afrikanische Städte sind die wichtigsten Orte, wo Naturschutz betrieben werden, oder an [jeglichen] anderen humanitären Problemen gearbeitet werden kann, da sie das Geheimnis zur Stabilisierung bergen.“, so Sanderson.

Das anhaltende Wachstum im subsaharischen Afrika sorgt dafür, dass die derzeitigen Projektionen für die globale Bevölkerung furchteinflößend sind, potenziell könnte sie im Jahr 2100 bei 11,2 Milliarden Menschen liegen, obwohl Sanderson sagte, dass diese „größeren“ Zahlen „die historischen Raten nehmen und sie einfach auf die Zukunft projizieren“.

Er sagte, dass er glaube, dass die demographische Wandlung in Afrika tatsächlich wesentlich schneller von statten gehen werde als in anderen Regionen.

Zum einen haben wir bereits das Wissen, wie wir Gesundheit, Wohlergehen und Bildung verbessern können und bieten Zugang zur Familienplanung. Zweitens, so Sanderson, glaube er, dass die Region bald jede Menge Kapital von anderen Ländern sehen wird, die nach neuen Investitionsmöglichkeiten suchen, vor allem von China.

„Der wichtigste Teil hier sind die afrikanischen Regierungen. Man muss diese Regierungen dazu bringen, zu funktionieren und das Vertrauen ihrer Bevölkerung zu gewinnen.“, fügte er hinzu.

Sowohl Sanderson als auch Walston verweisen auf Ruanda als Beispiel einer afrikanischen Nation die unter Umständen bereits auf das Ende ihrer Engstelle zusteuert und wo die Fruchtbarkeitsrate in den letzten 30 Jahren um die Hälfte zurück gegangen ist.

„Es gibt eine Regierung die tatsächlich funktioniert.“, so Sanderson. „Man versucht dafür zu sorgen, dass die Städte funktionieren und alle möglichen Investitionen anziehen, und das manifestiert sich alles in unglaublichen sozialen Trends die man wiederum vor 30 Jahren für unvorstellbar gehalten hätte.“

„Ruanda ist ein Paradebeispiel“, fügte er hinzu.

 

Naturschutz in der Flasche

Nehmen wir einmal an, dass Sanderson, Robinson und Walston mit ihrer Theorie einen Volltreffer gelandet haben: Dass wir in einer Übergangsphase sind und, dass die zukünftige Erde möglicherweise viel grüner und auch viel kleiner als die derzeitige ist. Was machen wir mit diesem Wissen? Wie können Naturschützer und politische EntscheidungsträgerInnen dabei helfen, diesen Wandel zu unterstützen und sicherzustellen, dass noch Wildtiere übrig sind, wenn wir alle aus der Engstelle heraus gekommen sind?

„Wir haben diese unglaubliche Herausforderung.“, so Walston. „Wir haben die Möglichkeit, über die [nächsten] paar Jahrzehnte hinweg, so viel wie möglich von der Natur durch die Engstelle zu bekommen, denn was auch immer wir tun, um hier erfolgreich zu sein wird der Vorläufer für eine unglaubliche Renaissance der Natur und wir sehen dies bereits an verschiedenen Orten auf der ganzen Welt.“

Laut der Abhandlung gibt es fünf Maßnahmen, auf die Naturschützer sich bei Nationen die mitten in der ökologischen Engstelle stecken konzentrieren sollten: geschützte Gebiete erstellen, bedrohte Artenvielfalt schützen, bessere Städte unterstützen, Migration von Land zu Stadt vorantreiben und zerstörerische Industrien regulieren, um den Schaden so gering wie möglich zu halten.

Obwohl unterschiedliche Länder die Engstelle zu unterschiedlichen Zeiten passieren werden, so können die ersten Reaktionen darauf doch die gleichen sein.

Das Wichtigste ist, „sicherzustellen, dass einige Teile der Natur es durch die Engstelle schaffen.“, so Walston.

Dies verweist auf eine altmodische Art des Naturschutzes hin, die sich auf die Erschaffung von Parks und den Schutz von Spezies konzentriert.

„[Fortress conservation (dt.: Festungsschutz)] ist eine sehr effektive, extrem kosteneffiziente und langfristige Strategie, obwohl sie als das genaue Gegenteil veranschaulicht wird.“, so Walston, der das Ziel des Naturschutzes während der Engstelle als „buchstäblich einfach nur festhalten“ beschreibt.

„Festhalten war bis jetzt eine der effektivsten langfristigen Strategien des Naturschutzes.“, fügte er hinzu. „Wenn man über die Menschen liest…die den Yellowstone Nationalpark gegründet haben.“

„Sie dachten, dass es das war. Sie dachten, der Westen wäre verloren.“

Walston ist der Meinung, dass diese Verfechter des Naturschutzes der Vergangenheit, wenn sie heute den Amerikanischen Westen sehen könnten, die Rückkehr des Wolfes, den sprungartigen Anstieg der Grizzlybären, das Wiederverbinden von Parks über die Rockies hinweg – „sie würden vor Freude weinen“.

Die Konzentration auf geschützte Gebiete passt auch gut zu einer anderen wagemutigen Idee die heutzutage in Naturschutzkreisen die Runde macht: Halb Erde. Zuerst wurde diese Idee von dem renommierten Wissenschaftler E.O. Wilson entwickelt und postuliert, dass die Menschen die Hälfte des Planeten, sowohl Land als auch Wasser, der Natur überlassen sollten, um eine Massenauslöschung zu vermeiden.

Walston sagt, dass er diesen „wagemutigen Ausdruck von Ehrgeiz“ liebe, sagt jedoch auch, dass er denkt, dass der Naturschutz sich in Details und Pessimismus festgefahren hat.

„[Von der Engstelle zum Durchbruch] bietet uns einen besseren Mechanismus, um die Halb Erde zu erreichen, als irgendein anderer [Karten]-basierter analytischer Priorisierungsprozess der sich im Moment im Aufschwung befindet.“, sagte er und fügte hinzu: „Jeder spricht derzeit darüber, wie unerreichbar Halb Erde ist – und wir denken tatsächlich, dass es wesentlich mehr als die Hälfte sein könnte.“

Walston, der seine Karriere als Naturschützer in Thailand begann, verweist auf dieses Land als Quelle für seine Ansichten und Theorien. „Thailand war die Lachnummer schlechthin. Thailand war der Buhmann des Naturschutzes in Südostasien als ich meine ersten Erfahrungen gesammelt habe. Wir erreichten den Tiefpunkt.“

Walston, der seine Karriere als Naturschützer in Thailand begann, verweist auf dieses Land als Quelle für seine Ansichten und Theorien. „Thailand war die Lachnummer schlechthin. Thailand war der Buhmann des Naturschutzes in Südostasien als ich meine ersten Erfahrungen gesammelt habe. Wir erreichten den Tiefpunkt.“

„Wir müssen sie wieder mit den Orten in Verbindung bringen, für die sie eine Eigenverantwortung empfinden.“, so Walston. „Sie sind jetzt diejenigen, die sicherstellen, dass die Regierung mehr für diese Orte zahlt, mehr dafür tut, sie zu beschützen, sie verbindet, es ermöglicht, dass innovative neue Umweltschutzmethoden wie Aufsichtsbehörden um sie herum aufgebaut werden und, dass sie tatsächlich ausgeweitet werden.“

Walston weist darauf hin, dass sich der Tiger in Thailand möglicherweise langsam wieder erholt, da man 2017 eine weitere Population entdeckt hat.

In Ländern, die aus der Engstelle herauskommen, kommt es nicht zu einem plötzlichen Wandel weg vom Verlust der Natur hin zu einem Zuwachs. Der Prozess ist langsam, braucht Jahrzehnte und ist nicht linear. Doch es kann heißen, dass die natürlichen Landschaften eine Atempause einlegen können, mehr Unterstützung aus der Öffentlichkeit erhalten und weniger gefährdet sind.

Walston sagte, dass der Ehrgeiz nach der Engstelle auf ein Level ansteigen sollte, das „wagemutige Verpflichtungen“ beinhaltet, einschließlich der Einrichtung von grenzüberschreitenden Parks, Gemeindeschutzgebieten und miteinander verbundenen Parks, und der Aussicht auf potenzielle Renaturierung.

Walston und Sanderson sagen, dass ihre Organisation, WCS, die Von-Engstelle-zu-Durchbruch Theorie bereits in ihre tägliche Arbeit integrieren. Man konzentriert sich mehr auf städtische Gebiete beim WCS, wohingegen die Organisation sich gleichzeitig sehr auf Orte konzentriert, wo die Engstelle am schmalsten ist: das subsaharische Afrika und Teile Asiens.

Vor kurzem haben die Wissenschaftler ihre Theorie dafür verwendet die mögliche Zukunft der Tiger in Südostasien zu analysieren.

Walston verweist wieder auf Ruanda und darauf, wie das „festhalten“ an Gorillas dort zu einem unglaublichen Erfolg geführt hat.

„Oh Gott, was Ruanda in den letzten 30 Jahren durchgemacht hat.“ sagt er. Doch „jemand…hat an diesen Berggorillas durch all das hindurch festgehalten. Jetzt ist es das phänomenalste und erfolgreichste Naturschutzprogramm, betrieben von Ruandern, unterstützt von der ruandischen Regierung und…es liefert ein starkes finanzielles Rückgrat für die örtliche und nationale Wirtschaft.“

Heutzutage steigt die Berggorilla Population in Ruanda an.

„Als es am Schlimmsten war haben [Umweltschützer] immer noch daran festgehalten. Das ist die Hauptstrategie in [der Engstelle].“, so Walston.

Wenn überhaupt, dann sehen wir unsere Abhandlung als genau den Grund für die Arbeit im Naturschutz und in der Stadtplanung, denn unsere Arbeit könnte jetzt so ein wahnsinnig langfristiges Ergebnis haben.“, so Sanderson.

 

Eukatastrophe

J.R.R. Tolkien hat das Wort Eukatastrophe erfunden. Es bezieht sich auf den plötzlichen, glücklichen U-Turn, der in Mythen und in der Literatur so häufig vorkommt: Der Protagonist steht kurz vor dem total Ruin und schafft es dann, irgendwie, die Dinge zum Guten zu wenden. Die beinahe totale Zerstörung wird zum Happy End.

Tolkien verwendete diese Idee sehr effektiv in seinem bahnbrechenden Werk „Der Herr der Ringe“, doch, als Christ, glaubte er auch im realen Leben an diese Macht: dass die Menschheit, selbst wenn sie an den Rand des Untergangs gelangt, die Handlungsfähigkeit hat, den Rückwärtstrend einzuleiten.

„Wir kommen dem Wendepunkt immer näher.“, so Walston über die Von-Engstelle-zum-Durchbruch Theorie. „Es ist der Punkt an dem die Situation am düstersten aussieht.“

Die Theorie von Walston und seinen Kollegen basiert auf einer Fülle von Beweisen und Daten, doch man muss auch bestimmte Schlussfolgerungen daraus ziehen, was all dies bedeutet. Letzten Endes führt diese Theorie zu einer möglichen Zukunftsprognose.

Es ist nicht das Schicksal. Es ist eine Idee. Eine verführerische, doch sie könnte sich letzten Endes doch nicht als wahr erweisen.

„Erfolg ist in keinster Weise unausweichlich.“, schreiben die Forscher. „Doch…sich so zu verhalten, dass sich diese Dynamik beschleunigt bietet gerade die beste Chance, die die Menschheit jemals haben wird, die Natur global wiederherzustellen“ – um, in anderen Worten, eine Eukatastrophe zu schaffen.

Dennoch bestätigen die Wissenschaftler, dass eine der Bedrohungen die dem ganzen in die Parade fahren könnten die Erderwärmung ist.

Sanderson nennt es auf Grund der Diskussionen über „Umkehrpunkte und der Erstellung positiver Rückkopplungen von denen sich das Erdsystem lange Zeit nicht erholen würde“ eine „Wild Card“.

Wenn wir es unserem Klima erlauben, diese verhängnisvolle Grenze zu überschreiten, dann wird die Massenauslöschung unvermeidlich.

Doch Sanderson betont auch, dass, wenn aus ihrer Theorie Aktionen folgen würden, das Ergebnis eine kältere Welt wäre. Eine der besten, und am wenigsten diskutierten Möglichkeiten, den Klimawandel zu bekämpfen wäre, wenn Gesellschaften schneller auf kleinere Familien umstellen würden.

Städte sind ebenfalls Schlüsselfaktoren.

„Einer der unterschätzten Aspekte bei der Bekämpfung des Klimawandels ist die Urbanisierung.“, so Walston und zitiert die C40 Cities climate intitiative (dt.: C40 Städte Klimainitiative). „Vergessen Sie Staaten, vergessen Sie, in mancherlei Hinsicht, Regierungen, es sind die Städte dieser Welt [die] zusammen kommen, sowohl weil sie die Wucht des [Klimawandels] spüren, aber auch, weil sie ihre Macht spüren.“

Dennoch stoßen alle Vorhersagen auf viel wenn und aber. Was passiert, wenn der Bevölkerungstrend im subsaharischen Afrika nicht, wie im Rest der Welt, zurück geht? Was passiert, wenn wir an den 2 Grad Celsius (3.6 Grad Fahrenheit) Erwärmung vorbeiziehen? Was passiert, wenn Konsum und Materialismus unsere Fähigkeit das Ökosystem zu schützen überfordern? Was passiert, wenn Insekten verschwinden, weil wir beschlossen haben, nichts zu tun?

Die Forscher wollen verdeutlichen, dass sie es nicht befürworten, so weiter zu machen wie bisher. Ganz im Gegenteil. Genau so wenig sagen sie, dass uns die derzeitigen Trends einfach retten werden, ohne, dass man was dafür tun muss.

„Man könnte sich vorstellen, dass sich die Engstelle schließt, entweder, weil die Bevölkerung zu schnell wächst und die Armut sie einholt oder, weil wir der Natur auf Grund der Idee, dass Technologie und Fortschritt all die Arbeit machen werden, den Rücken zudrehen.“, so Sanderson.

Doch er widersetzt sich dem, was er als „Twitter Version“ des ökologischen Pessimismus bezeichnet.

„Es wird sowieso alles den Bach runter gehen, und somit gibt es keinen Grund etwas zu tun da alles was wir tun, sowieso zum Scheitern verurteilt ist. Ich denke sowohl [Walston] als auch ich sind der Meinung, dass es extrem schwierig wird, die Chancen für die Zukunft die wir möchten zu schaffen, doch unsere Abhandlung lässt darauf schließen, dass es eventuell wirklich passieren könnte, anstatt zu betonen, wie Dinge nicht funktionieren können oder werden, so wie es oft in der Umweltschutzliteratur der Fall ist.“

Diesen Januar hat eine staatlich geförderte Expertenkommission in China bekanntgegeben, dass sie davon ausgeht, dass sich die Bevölkerung des Landes, die größte der Welt, innerhalb eines Jahrzehnts stabilisieren werde. Der Bericht prognostiziert, dass China im Jahr 2029 mit 1,44 Milliarden den höchsten Stand erreichen und dann fallen wird. Die Pressekanäle haben hauptsächlich mit den üblichen Ausrastern reagiert.

Aber nicht falsch verstehen: Dies sind gute Nachrichten, sehr gute Nachrichten sogar, für das Klima, die Artenvielfalt und die Nachhaltigkeit, nicht nur für die derzeitige Menschheit, sondern auch für das Wohlbefinden zukünftiger Generationen.

Walston und Sanderson weisen auf eine aktuelle derzeitige Projektion hin, die besagt, dass die weltweite Bevölkerung 2300 auf 2,3 Milliarden gefallen sein könnte – weniger als ein Drittel der derzeitigen Bevölkerung.

„Zwei Komma Drei Milliarden, wo niemand arm ist und jeder Zugang zu der Technologie hat, die wir jetzt bereits haben, plus was auch immer wir zwischen heute und dann erfinden: eine komplett andere Welt im Hinblick auf den Umweltschutz.“, so Walston. „Umweltschutz ist dann noch nicht einmal mehr das richtige Wort.“

Was wäre dann das richtige Wort? Vielleicht Überfluss. Vielleicht Eukatastrophe.

Ich bin schon zu lange ein Umweltjournalist, um den verschiedenen ökologischen und sozialen Theorien die aufkommen vollkommen naiv gegenüber zu stehen. Doch bei vielen Punkten die Sanderson und Walston angebracht haben, fällt es mir schwer zu widersprechen.

Und so ertappe ich mich dabei, wie ich mir eine Welt vorstelle, die anders ist, als die, die ich geerbt habe, eine, die ich niemals sehen werde, aber in der die Enkelkinder meiner Enkelkinder vielleicht aufwachen werden: Wo Orang-Utans verlassene Plantagen in Borneo bevölkern, wo Löwen neue Territorien einnehmen und Menschen sagen „Hm, was machen wir da jetzt?“, wo Sumatra Nashörner zurück aufs asiatische Festland transportiert werden, wo Wissenschaftler den Überblick darüber verloren haben, wie viele Atlantische Nordkaper Babys jedes Jahr geboren werden, einfach weil es zu viele sind.

Eine Welt, wo die weltweiten Temperaturen 1 Grad Celsius (1,8 Grad Fahrenheit) niedriger sind, wo Menschen Regenwälder auf lange brach gelegenem Grund anpflanzen und wo Wölfe in beinahe allen der 50 US-Staaten heulen (Ich befürworte nicht, sie nach Hawaii zu bringen). Dies ist ein Ort, wo einheimische Völker auf Land im Amazonas, das legal ihnen gehört, Affen jagen, während jemand auf Kuba in Gefangenschaft Schlitzrüssler brütet, die dann ausgewildert werden, und wo Insekten die Welt regieren.

Es gibt 2,3 Milliarden Menschen auf dieser Welt. Niemand kann sich mehr vorstellen, Kohle oder Öl zu verbrennen, um Energie zu gewinnen (wie primitiv!). Extreme Armut gehört der Vergangenheit an. Städte sind Türme voller grün, ländliche Gebiete voller Wälder und Felder, und die Wildnis ist von fast überall in nur einer Stunde zu erreichen.

Ich weiß, dass diese Welt ein Traum ist, eine Illusion. Doch ich weiß auch, dass sie nicht unmöglich ist. Und nicht nur liegt es in der Macht unserer Generation die Eukatastrophe herbeizuführen, es sind bereits Kräfte am Werk, die wir nutzen können. Wir müssen uns nur dafür entscheiden, es zu tun.

 

ZITATE::

E. W. Sanderson, J. Walston, J. G. Robinson, From bottleneck to breakthrough: Urbanization and the future of biodiversity conservation. Bioscience 68, 412–426 (2018). 10.1093/biosci/biy039pmid:29867252

Eric W. Sanderson, Jesse Moy, Courtney Rose, Kim Fisher, Bryan Jones, Deborah Balk, Peter Clyne, Dale Miquelle, Joseph Walston. Implications of the shared socioeconomic pathways for tiger (Panthera tigris) conservation. Biological Conservation, 2019; 231: 13 DOI: 10.1016/j.biocon.2018.12.017

 

Artikel veröffentlicht von Maria Salazar
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